
Oft setzen wir keine klaren Grenzen, weil wir Angst vor Ablehnung haben und befürchten, die Nähe und Verbindung zu anderen zu verlieren. Doch wenn wir verschweigen, was uns nicht passt, was für uns nicht stimmig ist oder wann wir Zeit für uns selbst brauchen, verlieren wir die Verbindung zu uns selbst – und lehnen uns letztlich selbst ab.
Ohne Verbindung zu uns selbst kann es keine echte Verbindung zu anderen geben. Was wir dann erleben, ist eine Pseudo-Nähe – eine bloße Imitation von Kontakt, an die wir uns in unserer Kindheit anpassen mussten. Damals brauchten wir zumindest eine Art von Verbindung, um zu überleben. Dafür mussten wir bestimmte Teile von uns selbst verstecken oder abspalten – für manche war es ihr Protest und ihr Bedürfnis nach Autonomie, für andere ihre Verletzlichkeit und Sensibilität, für manche beides. Wir haben gelernt, in Beziehungen nur mit den Anteilen in Kontakt zu treten, die in unserer Umgebung erlaubt und willkommen waren.
Doch als Erwachsene kann uns das nicht mehr genügen. Unser Organismus strebt nach echter, vollständiger Verbindung – doch die ist unmöglich, wenn wir uns selbst aufgeben oder bestimmte Teile von uns verstecken oder abspalten.
Unsere tiefe menschliche Sehnsucht ist es, uns in Beziehungen in unserer Ganzheit zeigen zu dürfen – mit all unseren Facetten. Wir wollen in Beziehungen sowohl mit unserer Verletzlichkeit und unserem Bedürfnis nach Nähe präsent sein als auch mit unserem Bedürfnis nach Autonomie und klare Grenzen. Dann kann unsere Lebensenergie frei fließen.
Und gleichzeitig es ist für mich wichtig zu erwähnen, dass in meiner eigenen Auseinandersetzung mit Protest, Wut und Grenzen habe ich erkannt, dass es nicht nur darum geht, “Nein” zu sagen, sich Wut zu erlauben und ihre Botschaft zu verstehen. Genauso wichtig ist es, mit liebevollem Blick auf den Teil in uns zu schauen, der große Angst davor hat. Diesen Teil trägt fast jeder in sich.
Irgendwann stand dieser Teil vor einer existenziellen Entscheidung: Wähle ich mich selbst oder wähle ich die Beziehung?
Um zu überleben, musste er sich für die Beziehung entscheiden – und sich selbst aufgeben.
Diese Selbstaufgabe aus Angst vor Ablehnung wurde zur automatischen Reaktion. Sie kann sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen, selbst wenn unser Überleben heute nicht mehr davon abhängt, ob uns jemand annimmt oder ablehnt. Doch wir können diese Reaktion nicht einfach loswerden, indem wir sie ignorieren, uns dafür verurteilen oder uns selbst kritisieren, wenn wir unsere Grenzen nicht wahren können – oder es auf eine schroffe, ungeschickte Weise tun.
Versuche, diesen Teil in dir wie ein kleines Kind zu sehen – ein Kind, das für sich selbst einstehen möchte, aber Angst hat, verlassen zu werden und die Liebe zu verlieren. Ein Kind, das neu lernen darf, dass es sich nicht verleugnen muss um Liebe und Zuwendung zu erhalten-und dass seine Eigenständigkeit, Protest und Individualität kein Hindernis für Nähe sind.
Was, glaubst du, würde es in solchen Momenten wirklich brauchen?
Kommentar schreiben